"Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank dem Engagement der Vielen." - Stéphane Hessel
Dieser Gedanke, diese vier Sätze des französischen Résistance-Veteranen Stéphane Hessel treibt mich heute um. Er hat einen wortgewaltigen, dabei nicht mal langen, Appell namens Empört Euch! (Indignez-Vous!) geschrieben - und der Name ist Programm. Er beschreibt, wie die Werte und Errungenschaften der Résistance und der Post-Nazi-Gesellschaft - u.a. die Deklaration der Menschenrechte, soziale Sicherheit, wirtschaftliche Demokratie - heute, 65 Jahre später, wieder verloren gehen an die Banken, die Privatisierer, die "Macht des Geldes", und vor allem an diejenigen, die dem gleichgültig gegenüber stehen. Er will die Demokratie, die Stimme der Einzelnen, bewahren und ruft zu Empörung auf, zum ersten Schritt in Richtung Widerstand.
Empört Euch! ist eine kleine Streitschrift, kaum dreizehn Seiten lang, und erzählt von dem grundlegenden Konflikt unserer Gesellschaft. Inmitten des Kapitalismus und des Individualismus, vorangetrieben durch Thatcher, die französischen Republikaner, die deutschen Liberalen, ist es schwer geworden, sich für den Protest zu begeistern, geschweige denn, sich über etwas erst einmal zu empören. Wir sind träge geworden, wir folgen brav der Diktatur der Massenmedien. Die Macht der vielen Stimmen bleibt in Internet-Petitionen stecken. Hessel erzählt von seiner Zeit in der Résistance, von seiner Mitwirkung an den Menschenrechten, seinem Engagement für Minderheiten und unterdrückten Völkergruppen, etwa in Algerien oder Gaza. Und er fragt uns: Was treibt uns an? Warum kämpfen wir nicht für den Umweltschutz? Warum verdammen wir den Terrorismus, nicht aber den Völkermord?
Er trifft da einen wunden Punkt. Und natürlich hat er Recht. Wir sollten uns wirklich mehr empören. Doch was heißt das denn, "sich empören", heutzutage? Hessel ruft dazu auf, die ewige Spirale der Gewalt durch Hoffnung und Gewaltlosigkeit zu brechen. Doch eine wirkliche Lösung bietet er auch nicht. Es ist das ewige Dilemma dieser Pamphlete, die die Demokratie bewerben, doch die Anarchie verdammen, eine schwammige Idee der Freiheit im Sozialismus propagieren und doch nicht richtig wissen, wie man es anstellen soll. Nicht jeder ist Diplomat und kann wie Hessel unbehindert in den Gaza-Streifen einreisen und seinen großen Namen nutzen, um Missstände anzuprangern. Sicher ist Gewaltlosigkeit eine gute Sache. Doch was anstelle der Gewalt folgen soll, lässt Hessel offen. Empörung kann alles sein, solange wir nicht die Raketenwerfer zücken.
Es ist einfach, gegen die Diktatur der Massenmedien und des Finanzmarktes zu wettern, auf Freiheit und die Menschenrechte zu pochen, auf die Geschichte zu verweisen. Aber es sind viele Fronten, auf die er da hinweist, viele Kämpfe, die wir gemeinsam ausstehen sollen - eine schwierige Aufgabe, so ganz ohne Anleitung. Empört Euch! ist wichtig, ist gut, ist richtig, nur noch nicht zu Ende gedacht - es liegt jetzt an uns, eine Lösung zu finden, Empörung mit Hoffnung mit Gewaltlosigkeit (oder Gewalt an den richtigen Stellen?) zu vereinen, die Alten können ja nicht alles für uns machen. Vielleicht ist es genau das, worauf uns Stéphane Hessel mit seinen letzten, großen Worten stoßen will:
"Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen." (Empört Euch!, S. Hessel, S. 21, ullstein-Verlag)
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