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Samstag, 1. Februar 2014

Bücherwurm

Letztes Jahr noch wurde für diesen Winter Großbritannien und insbesondere Wales mit dem "Jahrhundertwinter" gedroht, drei Monate Schnee!!! schrieen sie alle. Tja. Also, in Newport regnet's. Und windet. Und regnet noch mehr. Schnee hatten wir bisher... gar nicht.
Also suche ich Schutz in meinem Bett, ab und an einen Blick ins trübe Grau vor dem Fenster werfend. Den Rest der Zeit habe ich Bücher vor der Nase. Ein Paradies, eigentlich! Eine Tasse Tee und Bücher - so schlimm ist das wirklich nicht. Mmmhja. Und das Schönste ist: Ich darf das nicht nur, nein, ich bin sogar explizit dazu aufgefordert. Im Theorie-Modul ist ein literature review gefordert, eine Auseinandersetzung mit sämtlicher Literatur im weitesten Sinne zu einem gewählten Thema. Und das praktische Modul dreht sich um konzeptuelle Dokumentarfotografie, hier ist die Idee und die damit verbundene Recherche alles.
Also lese ich, lese ich, lese ich. Auf dem Boden ist ein Stapel Kunstbücher aus der Bücherei, angefangen mit Photography and the Body und endend mit Don't leave me this way - Art in the age of AIDS. Vor dem Bett liegt Tony Kushners Angels in America, im Regal lauert die Tales of the City-Reihe, dessen letzte drei Fortsetzungen auf der Internet-Wunschliste mit David Bates Photography (Key Concepts) konkurriert. Die gelesezeichneten Artikel in der Internet-Historie tragen Titel wie HIV-Infektion: In Flagranti und 3D. Und so weiter...
Man kann es schon erraten - das alles beherrschende Thema für dieses Jahr ist HIV/AIDS. Kein Theater mehr. (Die Dozenten müssen das noch absegnen, aber...ach.) Klingt ganz schön deprimierend? Ich finde nicht. Man muss nur das richtige draus machen. Immerhin darf ich für die literature review auch sämtliche Popkultur in Betracht ziehen, die ich finde. Also immer her mit einer schrägen Mischung aus Philip Lorca diCorcia, Nan Goldin, John Grant und Dallas Buyers Club. Der Regen kann draußen bleiben.

Sonntag, 24. November 2013

Review: "Die Dämonen", Fjodor M. Dostojewski

Am Anfang des Sommers erhielt ich ein neues Buch. Für einige Zeit lang, bevor ich tatsächlich anfing es zu lesen, scherzte ich, ich würde den Sommer über ein Lesetagebuch auf diesem Blog führen - schlicht und einfach, um stets motiviert zu bleiben, Dostojewskis 1000 Seiten langes Werk Die Dämonen auch wirklich zu beenden. Dann begann ich das Buch, stellte zu meiner eigenen Überraschung fest, dass die ersten hundert Seiten gar nicht so öde und schwurbelig waren wie befürchtet, und entschied mich gegen ein Lesetagebuch.
Oh, hätte ich doch nur anders gehandelt. Hätte ich doch nur.
Denn beendet habe ich das Buch tatsächlich - gestern. Nach vier, fast fünf, Monaten.

Was ich nicht bedacht hatte: Wenn man tausend Seiten hat, liegen zwischen den halbwegs aufregenden ersten hundert Seiten und den wirklich spannenden letzten hundert noch achthundert Seiten, die überwunden werden wollen. Und diese achthundert, die haben sich echt gezogen.
Dostojewski schreibt in Die Dämonen von den Verwirrungen einer russischen Kleinstadt, gerade von Leibeigenschaft in autoritäre Verwaltung übergegangen, in der traditionelle Herrschaft auf ehrgeizige Habenichtse, Literaten auf gläubige Analphabeten, und nicht zuletzt Anarchisten auf Autokraten treffen. Um den Gutsbesitzer-Sohn Stawrogin und den jungen Emporkömmling Werchowenskij sammelt sich eine kleine Gruppe, mit dem Ziel, "eine neue Ordnung" zu etablieren und zu diesem Zwecke mit Gewalt die alten Strukturen aufzubrechen. Ein politischer Thriller, so könnte man meinen, in dem die klassischen Gegensätze - alt, jung, traditionell, neu, Religion, Politik - gegeneinander ausgespielt werden.
So kann man das Buch auch lesen, wenn man unbedingt möchte. Sicher, vieler der Figuren revoltieren, wie der Einband verspicht, "jeder auf seine eigene Weise gegen bestehende Ordnungen". Aber leider sind es eben sehr, sehr viele Figuren, mit sehr, sehr vielen Problemen. Auf den tausend Seiten wird so manche Liebesverwirrung breitgetreten, so mancher ideologische Monolog gehalten, so manche Fehde angezettelt. Der politische Hintergrund, Dostojewskis durchaus angemessene Kritik an einem falsch interpretierten Sozialismus, tritt hinter die persönlichen Wehwehchen zurück: Wenn der Student Schatoff für eine mögliche Denunziation ermordet werden soll, so wird er in Wahrheit doch nur für seine Beleidigung Werchowenskijs umgebracht. Es ist, alles in allem, eben doch ein klassisches russisches Epos, samt all der Melodramatik, die 1870 ganz angesagt war.
Auf den letzten hundert Seiten, als Dostojewski anscheinend die warmen Worte ausgehen, wird es dann noch mal richtig wild. Die Zahl der Toten liest sich am Ende so, als seien Die Dämonen das direkte Vorbild für Game of Thrones gewesen, und vor lauter Intrigen, Feuersbrunsten, und unvorhersehbaren Kindsgeburten weiß man gar nicht, wo einem der Kopf steht. Das macht, in einer seltsamen Art und Weise, richtig Laune. Aber man muss eben erstmal bis dahin durchhalten.

Donnerstag, 1. August 2013

Review: "Jonathan Strange & Mr Norrell", Susanna Clarke

Es ist August, und somit der erste Monat, in dem das kleine Antiquariat am Wendehafen nicht mehr existiert. Das ist ganz schön traurig, vor allem in der Hinsicht, dass ich den Laden erst im Juli für mich entdeckte. Wenigstens einen Schatz fand ich immerhin dort: Susanna Clarkes Jonathan Strange & Mr Norrell, in einer wunderschönen, illustrierten dreibändigen Schuber-Ausgabe, in der Original-Sprache Englisch. Nun ist es verschlungen und verdaut, und ich bin irgendwie glücklich.
Jonathan Strange & Mr Norrell erzählt davon, wie die Magie zu Anfang des 19. Jahrhunderts nach Großbritannien zurückkehrt. Norrell, der zunächst einzige praktizierende Magier im Land, und sein Schüler Strange sind sich bald uneinig, wie weit sie ihre Macht einsetzen können und dürfen. Als ein trickreicher, mies gelaunter Feen-König ins Geschehen eingreift, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, einen seiner Günstlinge zum neuen englischen König zu machen, und Großbritannien sich im Krieg gegen Napoleon nicht mehr zu helfen weiß, müssen beide Zauberer weitreichende Entscheidungen treffen, die - Magie hält, wie man spätestens seit Harry Potter weiß, ja immer einige Fallstricke bereit - gerne mal das Gegenteil vom Erwünschten erreichen. Während Strange und Norrell sich zunehmend bekriegen, wird die Gefahr von außen immer drückender, bis hin zum packenden Showdown.
Nachdem ich eine ganze Weile der Fantasy den Rücken gekehrt hatte, bin ich spätestens seit Der Kleine Hobbit wieder offen dafür - und ich muss sagen, in diesem Fall hat es sich gelohnt. Susanna Clarke schreibt ganz wunderbar und allein für gute Autoren lese ich gerne. Clarke hat sich ein Beispiel am populären Schreibstil des 19. Jahrhunderts genommen und ihren Stil behutsam angepasst - in der Rechtschreibung, in den rhetorischen Mitteln, der Erzählweise. So liest es sich gleichzeitig modern, spannend und doch, als wäre man in einer ganz anderen Zeit, ganz woanders.
Das Buch nimmt langsam Tempo und Action auf, führt erst geruhsam ins noch magiearme Großbritannien ein, zieht durch die Kriegszeiten an, bevor am Ende (fast ein wenig hektisch) Schlag auf Schlag und Zauber auf Zauber folgt. Es ist sorgsam recherchiert worden, und die englische Gesellschaft und der Krieg werden wortreich und vielfältig beschrieben. Die Gestalten sind mitunter kurios, und hier und da blitzt ein schalkhaftes literarisches Augenzwinkern auf, oder eine wahrlich slapstick-hafte Szene, die den Roman zu einem wahren Vergnügen machen. Keine der Figuren (auch die bisweilen sehr liebenswürdigen Nebenfiguren) ist einseitig, nie fehlt es an Antrieb oder Charakterisierung, und so manche Wendung ist wirklich kaum vorhersehbar - wie auch, bei der ganzen Magie wissen selbst Strange und Norrell nicht immer, was passieren wird. Das macht es so spannend, dass ich das Buch manchmal kaum weglegen wollte.
Für mich ist es auch immer ein gutes Zeichen, wenn ein Buch ein Kopfkino auslöst, wenn ich den Text quasi schon auf der Leinwand sehe. Clarke hat ein ganzes Sammelsurium an wunderschönen Bildern herauf beschworen, und das Buch zählt ab jetzt zu einem meiner Liebsten - ich kann es euch allen nur empfehlen. Jonathan Strange sieht übrigens, wenigstens für mich, aus wie James McAvoy.

Samstag, 4. Mai 2013

Zirkus

Ich weiß, ich benutze das Wort viel zu oft. So oft, dass es für mich schon komisch aussieht, wenn ich drauf gucke. Das ist so, wie ein Wort komisch klingt, wenn man es zu oft hintereinander sagt. Zirkuszirkuszirkuszirkus.
Hm.
Aber heute muss ich doch noch einmal schwärmen. Vor einer Woche habe ich schon "Flown", die Show der Pirates of the Carabina, der Truppe meines lieben Kumpels Ellis, im Sherman Cymru in Cardiff bewundert. Das war ganz, ganz, ganz entzückend. Und heute war ich bei "Bianco" von 'meiner' Compagnie NoFit State im Millenium Centre in Cardiff Bay. Viele, viele Leute sind dabei, die ich alle kenne und mag und schon fotografierte - und die Show, nun...
Es war atemberaubend. Einfallsreich und wunderwunderschön. Ein paar Eindrücke könnt ihr hier gewinnen, aber ich empfehle wirklich jedem, sich ins nächste Flugzeug zu setzen und diese liebenswerte Truppe anzugucken, die noch den ganzen Sommer in Großbritannien unterwegs ist.

Wer lieber vor dem heimischen Computer bleiben und dort etwas Kunst und Kultur genießen will, dem sei wärmstens "Who Is Love?", das nicht mehr ganz so neue, aber immerhin neu aufgelegte Schreibprojekt von meiner Freundin Seestern und mir empfohlen. Die Neufassung findet sich hier, das bisherige Projekt (welches auch so noch weitergeführt wird) hier.

Montag, 15. April 2013

Frühlingserwachen

Heute war (ist) ein guter Tag. Kann man doch so sagen, oder nicht? Schließlich hatte ich heute ein sogenanntes "Review", in dem man seine Arbeit so weit, wie sie eben ist, im Detail vorstellt, viele Fragen gestellt bekommt, und die Dozenten sehen können, was noch so gemacht werden muss, um es abgabefertig werden zu lassen. Nun ja - abgesehen davon, dass meine Fotos im nächsten Druck hoffentlich nicht dunkel und grünlich sind (scheiß Bibliotheks-Drucker!) - wurde ich heute von ganz offizieller Seite für "gut und fertig" erklärt. Ich soll nochmal zurück in den Zirkus, aber nur so "ganz ohne Druck, mal gucken, was du noch so bekommst...". Och ja, ganz entspannt also. Harrharr!
Passend zum Anlass ist mit einigen Tagen Verspätung auch endlich der Frühling in Caerleon angekommen, genauso wie mein Päckchen mit meinem höchst eigenen Exemplar von Susan Sontags "On Photography" (tolles Buch!) und John Grants CD "Queen of Denmark" (tolle Musik!). Jetzt lehne ich mich zurück und kann ganz entspannt am Essay weiterarbeiten, Musik lauschen und mich freuen. Huiii.

Sonntag, 3. Februar 2013

Leseratten, aufgepasst!

Hat hier jemand schon mal was von Sibylle Berg, Albert Ostermaier oder Peter Handke gelesen? Dies ist eine kleine Umfrage. "Ja", "Nein", "Vielleicht" und "Ich mag Toastbrot" sind als Antwortmöglichkeiten vorgesehen, Antworten bitte als Kommentare (da. unten.) hinterlassen, die erste und letzte Antwortmöglichkeit gerne mit vertiefenden Anmerkungen!

Montag, 21. Januar 2013

Review: "The Hobbit", J.R.R. Tolkien

Erneut gelesen, dieses Mal in Englisch, neugierig geworden durch den Film: Es war etwas anders, als ich es in Erinnerung hatte, ein bisschen gruseliger, etwas spannender, etwas länger (lese ich langsamer, oder ist das Original besser, oder...?). Die englische Neuauflage [Harper Collins, 2011] ist sehr liebevoll aufgemacht, mit zwei Vorworten von J.R.R. Tolkien selbst und seinem Sohn Christopher, den unverzichtbaren Originalzeichnungen, und dem ersten Kapitel von "Herr der Ringe" im Anschluss - "ein Buch, sie zu knechten".
Die Geschichte des kleinen Hobbits ist wirklich fantastisch und sehr spannend, abwechslungsreich und humorvoll erzählt. Kindern würde ich es vermutlich nicht zu früh vorlesen. Ich habe es aber in vollen Zügen genossen und vor allem ist mir bei der zweiten Lektüre aufgegangen, wie viel wirklich in der Geschichte steckt und warum man sehr wohl drei Filme daraus machen kann. Für mich ist es wohl eines der herausragenden Meisterwerke der Fantasy-Literatur.

Donnerstag, 10. Januar 2013

Review: "Goodbye to Berlin", Christopher Isherwood

"Goodbye to Berlin" ist nach "Mr. Norris" der zweite Teil der Berlin Stories, und ebenso sehr eine Freude für den geneigten Leser. Es ist aufgeteilt in mehrere kleine Geschichten, die nacheinander unabhängig voneinander erzählt werden, jedoch alle miteinander verbunden sind, da sie mehr oder minder zeitgleiche Begegnungen Isherwoods mit verschiedenen Persönlichkeiten behandeln. Wie schon im Vorgänger, sind Isherwoods Figuren seine größte Stärke. Die unvergleichlich extravagante Sally Bowles, seine bunt gewürfelten Mitbewohner in der Nollendorfstraße, der lebenshungrige junge Liebhaber Otto und seine Familie - von ihnen lebt das Buch ebenso sehr wie von den Verbindungen zur Zeitgeschichte. Berlin wandelt sich von einem lebendigen, liberalen Weltzentrum zum Machtzentrum der Nazis. Es gelingt Isherwood, die immer düsterer werdende Stimmung zu porträtieren, aber auch das widerspenstige und widerständige Leben im Untergrund, in der Nacht. Die Geschichte um die jüdische Familie Landauer reißt einen so sehr mit wie das Geschick der jungen Kommunisten Rudi und Werner - damit man am Ende einsehen muss: "Anyone's heart's liable to fail, if it gets a bullet inside it."

"Goodbye to Berlin" ist längst nicht so heiter wie "The Last of Mr. Norris", doch genauso lesenswert und ergreifend. Eine Verbeugung vor Christopher Isherwood - wie nannte der auch nicht unbekannte Gore Vidal ihn? Richtig. "The best prose writer in English."

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Review: "The Last of Mr. Norris", Christopher Isherwood

"The Last of Mr. Norris", auch erschienen als "Mr. Norris Changes Trains", ist der erste Teil von Christopher Isherwoods "The Berlin Stories". Ich hatte von Anfang an hohe Erwartungen, schließlich ist Isherwood nicht nur der literarische Busenfreund von dem umwerfenden Armistead Maupin, sondern seine Bücher auch Vorlagen für keine geringeren Filme als "Cabaret""Christopher and His Kind" und "A Single Man". Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht.
"The Last of Mr. Norris" ist erzählt aus der Sicht des jungen Briten William Bradshaw, der in den frühen 1930ern als Englisch-Lehrer in Berlin arbeitet. Auf einer seiner Zugreisen lernt er Arthur Norris kennen und bekommt auch bald eine Ahnung von den krummen Geschäften, in die sein neuer Freund verwickelt ist. Freundschaft und Loyalität werden kurzweilig in dem Roman behandelt. Die fast Krimi-esken Elemente, die Norris' Unternehmen mit sich bringen, leiten die Handlung, nehmen jedoch nie überhand, was Isherwood viel Platz und Zeit lässt, seine Figuren und das Berlin in den Dreißigern zu erkunden. Isherwood hat zu dieser Zeit selbst in Berlin gelebt, die Bradshaw-Figur ist quasi autobiografisch. So gelingt es ihm, ein lebhaftes Bild von Leuten, Stadt und Lebensgefühl zu schaffen. Frohe Momente wechseln sich mit dunklen Stunden ab, es ist nicht alles rosig in Isherwoods Berlin. Ein großes Thema sind die politischen Querelen zwischen den Kommunisten und den Nazis und die zunehmende Radikalisierung der einfachen Leute, eindringlich von Isherwood nachgezeichnet. Doch besonders abseits der Politik leben seine schrägen Figuren erst richtig auf: der eigentümliche, nervöse Norris; der verhuschte Politiker Kuno von Pregnitz; die scharfzüngige Journalistin Helen Pratt; und nicht zuletzt Fräulein Schröder, Norris' und Bradshaws Haushälterin, eine klassische, praktisch veranlagte Berliner Dame. Isherwood beschreibt auch das queere Berlin - doch seine Figuren sind so herrlich angelegt und wunderbar gezeichnet, dass er das Wort "schwul" nicht einmal benutzen muss (in den 30er Jahren ohnehin undenkbar). Stattdessen erfährt der geneigte Leser so viel Nähe zu den Charakteren, dass man am Ende manchmal, ein bisschen, glaubt, selbst dort gewesen zu sein.
Ein großartiges Buch, und ich freue mich schon auf "Goodbye to Berlin", den zweiten Roman der "Berlin Stories". In Deutschland erschienen die Bücher im Übrigen als "Mr. Norris steigt um" und "Leb wohl, Berlin".

Dienstag, 4. Dezember 2012

"König und König"

Heute habe ich, angestoßen durch ein paar fleißige Facebook-Schreiberlinge, einen hervorragenden Beitrag von Deutschlandradio über ein neues Kinderbuch gehört. Das Märchen "König und König" von Linda de Haan und Stern Nijand behandelt ein schwules Prinzenpaar. Damit thematisiert es die immer vielfältiger werdenden alternativen Familienformen, denen Kinder heutzutage begegnen. Glaubt man der Radio-Besprechung, so geht "König und König" ganz unvoreingenommen, Kindern gleich, an das Thema heran und macht die Homosexualität gar nicht erst zum Problem.
Für mich ist dies ein hervorragender Ansatz. Ich habe mich viel damit auseinander gesetzt, wie Diskriminierung, etwa in der Form der Homophobie, entsteht - und vor allem: Wie bekommen Kinder diese Angst vermittelt, wieso entsteht dieser Hass? Für mich ist Sichtbarkeit ein Schlüsselpunkt. Wenn Kinder von vornherein alternative Lebenspläne zur Heteronorm sehen - und, das ist auch wichtig, diese nicht als "Ausnahme", sondern gleichwertige Alternative vermittelt bekommen -, werden sie es viel eher als "normal" empfinden und sich nicht daran stören. Kinder werden nicht homophob geboren, sie lernen Ablehnung durch die Gesellschaft, durch die Vorurteile ihrer Eltern, durch unbedachte Wortwahl, aber auch durch Bilder im TV, Kino, Buch, Werbung - überall. "König und König" ist ein gutes Beispiel, wie Kindern spielerisch und altersgerecht beigebracht werden kann, wie bunt das Leben sein kann, und wie schön, und wie einfach es alles sein könnte.
"King and King" steht inzwischen in Großbritannien auf dem Lehrplan: das macht mich fast ein bisschen stolz auf das Land, in dem ich lebe.

Der ganze Beitrag (05:54 min): Insa Kohler - Märchen jenseits der Heteronorm

Samstag, 24. November 2012

Review: "The Historian", Elizabeth Kostova

"The Historian", auf Deutsch als "Der Historiker" erschienen, folgt vordergründig seiner jungen Hauptdarstellerin, wie sie auf ein düsteres Familiengeheimnis stößt und schließlich das Leben ihrer Eltern verfolgt und verändert, während diese auf der Jagd nach Dracula halb Europa durchreisen.
Das Buch wird gerne als "anderer" Vampirroman beworben, als historisches Schauerspektakel um den originalen Dracula, dem grausamen rumänischen Herrscher Vlad Tepes, und somit ebenso abseits von Bram Stoker wie von Twilight. Den Vampir-Aberglauben osteuropäischer Herkunft untermalt Kostova mit viel Geschichte, sorgsam recherchierten Fakten rund um Tepes. Die Hauptfiguren, von den Eltern Paul und Helen bis hin zum Obervampirjäger Rossi, sind allesamt Historiker. So wird die Monsterjagd mehr zur historischen Schnitzeljagd nach den besten Hinweisen in alten Büchern an exotischen Orten.
Dies wird leider zu Kostovas größtem Problem. Über große Teile des Romans bleibt Dracula abwesend, doch über ihn gesprochen wird genügend: Ein altes Volkslied nach dem anderem muss analysiert, eine alte Bibliothek nach der anderen durchsucht werden, auf der Suche nach Draculas Grab. Wenn schließlich die gesamte Geschichte Transsilvaniens, der Konflikt zwischen Rumänien und der Türkei und zahlreiche Vampirmythen durchgekaut sind, ist das Grab noch immer weit davon entfernt gefunden zu werden. Eingefleischte Historiker finden das vielleicht aufregend, ich suchte vergeblich nach einem Spannungsbogen, es geschieht ja doch immer das Gleiche. Selbst Dracula entpuppt sich schließlich als in Geschichte vernarrter Bücherwurm.

"I was still wrestling with my disappointment; I realized now that I had expected these letters in their faded binding to hold the final key to our search", seufzt Paul auf Seite 525 und ich seufzte mit ihm: Ich auch, ich auch.

Es hilft leider überhaupt nicht, dass das Buch aus der Sicht einer jungen Nachwuchsforscherin geschrieben ist, da sie über lange Strecken nicht viel mehr tut, als Briefe ihres Vaters Paul zu lesen, die Briefe beinhalten, die sein Mentor geschrieben hat, oder andere, "historische" Briefe. Im Prinzip hätte man die ganze Geschichte um das Mädchen weglassen können (sie hat ja nicht einmal einen Namen), Paul hätte als einziger Hauptdarsteller wunderbar funktioniert und vielleicht der Geschichte als unmittelbar erlebender, nicht sich erinnernder Protagonist etwas mehr Leben einhauchen können. Um die Spannung aufrecht zu erhalten und das Label "Thriller" zu rechtfertigen, wird stattdessen ab und zu mal jemand umgebracht, gerne grundlos gewalttätig und die Story nicht weiter beeinflussend (Rache statt Wissensdurst als Motiv? Wo kämen wir denn dahin!). Sämtliche Action wird innerhalb weniger Seiten abgehandelt, um dem im-historischen-Heuhaufen-Stochern nicht im Wege zu stehen, und auch die irgendwann recht absehbare Pointe ist nach 600 Seiten so kurz gehalten, dass sie den Leser nicht weiter aufweckt, höchstens ein "Das war's schon?"-Gefühl hinterlässt.
Ich bin durchaus offen für die "wahren" Hintergründe des Dracula-Mythos und alles abseits gängiger Vampir-Klischees. Auch Geschichte finde ich mitunter anregend und interessant. Von einem Autor erwarte ich dennoch so etwas wie das Bemühen um einen Spannungsbogen, sorgsam durchdachte und wenn nicht vollkommen eingebundene, dann wenigstens bedeutungsvolle Plotelemente, in irgendeiner Form lebhafte und ansprechende Charaktere und irgendwann einen Schluss. Insofern hat "The Historian" in meinen Augen nicht nur all die Empfehlungen, durch Freunde oder begeisterte Kritiken auf dem Buchdeckel, Lüge gestraft, sondern mich auch auf voller Linie enttäuscht.

Samstag, 6. Oktober 2012

Review: "Sure of you", Armistead Maupin

"They paid an old man ten bucks for the pair [of chairs] and tied them on to the VW, fussing like nuns with a fresh busload of orphans."
Wenn ich jemals solche Bilder schreiben kann, nennt mich Gott. Oder Armistead Maupin. (Oder Richard, nicht wahr, Maike? Haha.)
"Sure Of You" ist fantastisch. Der sechste Teil der "Tales of the City"-Reihe, und somit offiziell der finale. Wieder einmal hat Maupin mir das Herz gewärmt. Es ist unglaublich, wie nah er seinen Figuren kommt, wie glaubhaft er sie macht, wie gekonnt er dabei die Balance zwischen Komik und Ernst behält. Der Schreibstil ist genial, besonders diese Metaphern, und diese kurzen, lustigen Einwürfe, die er manchmal macht. San Francisco ist inzwischen in den späten 80ern angekommen und die Charaktere  spiegeln einmal mehr das wieder, was ich Maupin ohne zu zögern als "Zeitgeist" abkaufe.
Auf dem Umschlag ist ein Zitat aus der New York Times, von David Feinberg: "I know I was not the only one who was up until two in the morning, promising myself to stop after just one more chapter." Hier sitzt noch jemand, der das Buch nicht weglegen konnte.
Und zum Glück - hoot, hoot! - gibt es noch zwei weitere, indirekte Sequels. "Micheal Tolliver Lives" kommt, muhahaha!